Damit der Wiedereinstieg für Mütter nach der Geburt ihre Kindes gelingt, braucht es Anreize und Lösungen. Welche? Eine ETH Studie ist dieser Frage nachgegangen. Auch Awina unterstützt junge Familien und Mütter, indem ein Teil der Krippenkosten übernommen wird. Ein Bericht der Sonntagszeitung vom 28.6.2020. 

 

Eine neue Studie der ETH zeigt die Vorteile für Arbeitgeber, wenn sie Mütter nach der Geburt ihres Kindes fördern

Fabienne Riklin

SonntagsZeitung, 28. Juni 2020

Was braucht es, damit Frauen nach der Geburt ihrer Kinder der Berufswelt nicht verloren gehen? Und was ist der Mehrwert von berufstätigen Müttern? Diesen Fragen ging Angelika Kornblum, Arbeitsund Organisationspsychologin an der ETH Zürich, nach. Sie wertete Antworten von 800 Müttern und Vätern sowie 30 Unternehmen aus und sagt: «Frisch gebackene Mütter beim beruflichen Wiedereinstieg zu fördern, hat für alle zahlreiche Vorteile.» Unternehmen positionieren sich als attraktive Arbeitgeber, Know-how geht nicht verloren, und Kosten für die Rekrutierung entfallen. Dafür erhalten sie motivierte und loyale Mitarbeiterinnen. «Dass der Wiedereinstieg eine gesellschaftliche Aufgabe und von hoher Relevanz ist, ist jedoch noch nicht allen bewusst.»

Philippe Gnaegi, Direktor von Pro Familia, kämpft genau dafür: «Noch immer haftet in den Köpfen vieler: Vereinbarkeit ist Sache der Frauen.» Lediglich junge Mütter verändern ihre Pensen, junge Väter praktisch nie. So haben 25 Prozent der an der Umfrage beteiligten Frauen ihr Pensum nach der Geburt um mehr als die Hälfte reduziert.

Dabei möchten die meisten Frauen mehr arbeiten. Nicht 100 Prozent, doch mit einem Pensum zwischen 60 und 90 Prozent. «Dieses brachliegende Arbeitskräfte potenzialist eine riesige Chance», sagt Kornblum. Auch da die Mütter sich nach der Geburt persönlich weiterentwickelt hätten sowie mit neuem Selbstbewusstsein arbeiten gingen. Zudem bringe sie die neue Rolle dazu, die Zeit fokussiert zu nutzen.

 

Väter und Staat in der Verantwortung

Warum harzt der Wiedereinstieg trotzdem? Ein Grund ist die klassische Rollenaufteilung in den Familien. «Sind Väter stärker in die Familie und die Kinderbetreuung eingebunden und reduzieren ihr Pensum, dann kehren die Mütter eher und mit mehr Stellenprozenten zurück», sagt Kornblum. Dafür sei entscheidend, wie flexibel, verständnisvoll und unterstützend ein Unternehmen gegenüber allen Arbeitnehmenden mit Kindern ist.

Der Pro-Familia-Direktor und ehemalige Neuenburger FDP Staatsrat Gnaegi sagt, es braucheein Umdenken, und zwar bei den Unternehmen, den Chefs und den Eltern. «Es muss möglich sein, auch mit einem 80-Prozent-Pensum Karriere zu machen.»

Die Wirtschaftsvertreter sehen das ähnlich. Der Schweizerische Arbeitgeberverband nimmt neben den Arbeitgebern und den Familien auch den Staat in die Pflicht. «Er muss qualitativ gute und finanziell attraktive Kinderdrittbetreuungsangebote bereitstellen und finanzieren», sagt Simon Wey, Chefökonom des Verbandes. Das so investierte Steuergeld fliesse wieder in die Staatskasse zurück – kurzfristig als höhere Steuereinnahmen und mittel- bis längerfristig durch tiefere Sozialleistungen für Mütter und Kinder.

 

Krippenkredite als neues Modell

Etwa 120 Franken pro Tag und Kind kostet ein Krippenplatz in der Schweiz. «Wenn Krippenkosten fast das gesamte zweite Einkommen auffressen, dann ist der Anreiz weniger gross, wieder einzusteigen», sagt Thomas Russenberger. Er hat deshalb gemeinsam mit einem Partner das Start-up Awina gegründet. Dieses vergibt an Familien Krippenkredite und finanziert so die Hälfte der externen Kinderbetreuungskosten. Zeit für die Rückzahlung haben die Eltern so lange, wie sie den Kredit ursprünglich benötigt haben. «Sobleibt den Familien in der ersten strengen Zeit des Wiedereinstiegs mehr Geld zum Leben.»

Aktiv Wiedereinsteigerinnen zu fördern, haben sich die SBB vorgenommen. Das Unternehmen lanciert in diesen Tagen eine Initiative dazu. «Fachkräfte sind in der Schweiz knapp. Wenn Talente wegen mangelnder Vereinbarkeit nicht arbeiten können, obwohl sie gern würden, dann haben wir ein Problem», sagt Corinne Kuhn, Employer Branding bei den SBB. Neu ist es deshalb möglich, die Ausbildung zur Zugbegleiterin oder zum Zugbegleiter in Teilzeit zu absolvieren. Ebenfalls gibt es für Jobs in der Informatik und im Büro «Back to Business»-Programme. Arbeitsaufwand: 50 Prozent. «Wir wollen nicht nur Mitarbeiterinnen halten, sondern auch neue dazugewinnen.» Wird eine Stelle ausgeschrieben, schaut der Bahnbetrieb zudem, ob der Posten auch in Teilzeit oder einem Jobsharing zu besetzen ist. «Eine junge Generation von Arbeitnehmenden will Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nichts zu machen, ist keine Option», sagt Kuhn.

 

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2020_06_28_SonntagsZeitungWiedereinsteigerinnen