Arbeiten für eine schönere Welt

«Was im Einklang mit deinen Werten ist, funktioniert meist am besten»: Unternehmerin Aileen Zumstein dazu, wie Unternehmer*innen und Arbeitnehmer*innen ihren Purpose mehr leben können

«Wie kann ich unternehmerischen Erfolg haben und gleichzeitig etwas zu einer besseren Welt beitragen?». Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen. Unternehmerin Aileen Zumstein lebt und verfolgt «Value Driven Entrepreneurship» und bringt ihre Werte und ihr Unternehmertum in Einklang. Wie das funktioniert, was Menschen tun können, die angestellt sind und wie sie ihren Ansatz auch bei der Gründung von Awina verfolgt hat, erzählt Aileen Zumstein im Interview. 

«Aileen, welche Werte sind dir persönlich in deiner Tätigkeit als Unternehmerin besonders wichtig?»

Mir ist es wichtig, meinen Beitrag zu einer nachhaltigeren, vielfältigeren und besseren, also einer einfach schöneren Welt, zu leisten.

Ich mache das in dem ich folgende Werte lebe und fördere: 

  • Care: Sorge tragen zum Umfeld, Ressourcen, Mitmenschen, aber auch zu sich selbst. 
  • Courage: Mutig sein, ausprobieren und mutig seine Vision verfolgen, erst recht bei Gegenwind. Mir ist es wichtig, für meine eigenen Werte einzustehen. «Treffe jeden Tag einen mutigen Entscheid» war das Credo meines Vaters, welches ich heute selbst verfolge, aber mir nicht immer gelingt.
  • Joy: Dinge tun und mit Menschen arbeiten, die einem Freude bringen.
  • Trust: Vertrauen haben in das, was man tut, in die eigenen Entscheide, in sich selbst und seine Intuition, in seine Mitarbeitenden, ein vertrauensvolles Ambiente schaffen, in dem jede*r seine Stärken und Schwächen leben kann. 

Die Kombination all dieser Werte tragen dazu bei, dass ich als Unternehmerin mit meinen Mitgefährtinnen und Mitgefährten echte Wirkung erzielen kann.

«Du bist seit vielen Jahren erfolgreich als Unternehmerin tätig und verfolgst dabei den Ansatz der «Value Driven Entrepreneurship». Was versteckt sich genau dahinter?

Für mich stimmt das, was ich jeden Tag tue und kreiere, mit meinen Prinzipien, meinen Werten, mit meinem Purpose überein. Dabei widme ich mich Projekten und investiere Zeit und Geld in Unternehmen, die Sinnhaftes tun und entsprechende Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Als Portfolio-Unternehmerin habe ich mit verschiedenen Menschen und Teams zu tun. Dabei ist mir wichtig, dass wir eine Strategie verfolgen, eine Unternehmens- und Führungskultur erschaffen, die sich auch mit meinen Werten deckt. Auch in einer Stiftung, bei der ich den Vorsitz innehabe, oder in einer Unternehmerorganisation, bei der ich im Board bin, verfolgen wir eine Strategie und Ziele, die mit meinen Prinzipien übereinstimmen. 

«Können Purpose und Profit miteinander funktionieren, ohne, dass Unternehmer*innen einen Kompromiss eingehen müssen? 

Ja. Besonders zu Beginn, wenn man eine Firma gründet und an den Markt geht, überwiegt der Purpose. Schliesslich prüft man in einer Testphase erst den Markt- und Produktfit. Dabei geht es oft nicht um den Profit, sondern darum, ob das MVP (Minimum Viable Product) funktioniert. Der Profit kommt später. Als Firmeninhaber*in kann man die Entwicklung der Firma prägen und sicherstellen, dass diese mit dem Purpose übereinstimmt. 

«Wie hat sich dein Unternehmertum im Laufe deiner Karriere gewandelt?»

Ich bin heute konsequenter und hinterfrage viel kritischer, welchen Impact das Unternehmen hat, welchen Mehrwert es bietet, welches Problem es löst und welche Haltung, Charakter die Menschen haben. Mit dem Älterwerden hat man mehr Erfahrungen und kann Situationen besser einschätzen, so dass ich heute viel früher auch ein NEIN ausspreche. Heute gibt es keine Kompromisse mehr. Ich habe mir konsequent ein Umfeld geschaffen und arbeite mit Menschen, die meine Werte teilen und eine Kultur leben, die mit meinen Vorstellungen und Prinzipien einer nachhaltigen Kultur übereinstimmen – mit einer Kultur, in der man lernen und scheitern kann, wo man sich gegenseitig respektiert, unterstützt, herausfordert und vertraut. Wenn ich in ein Unternehmen investiere, muss ich ganz hinter der Firmenidee, der Mission und den Menschen, die die Unternehmung vorwärtstreiben, stehen können. 

«Was ist dein Rat für Menschen, die selbst unternehmerisch tätig sein und sich dabei für ihre Werte und die Gesellschaft als solches einsetzen möchten?»

Ausprobieren und machen. Was im Einklang mit deinen Werten ist, funktioniert meist auch am besten. Überlege und definiere für dich: 

  • Purpose: Welche Werte und Überzeugungen möchte ich verfolgen, warum stehe ich auf am Morgen, was treibt mich an, für was stehe ich, was will ich erreichen?
  • People: Mit welchen Arten von Menschen will ich zusammenarbeiten und etwas bewirken? 
  • Place: Wo will ich das tun? Welches Umfeld brauche ich, um meine Werte zu leben? Büro, Homeoffice, hybrid?
  • Pace: In welchem Rhythmus und bei welcher Geschwindigkeit (Corporate versus Startup) will ich arbeiten? Wie viel Prozent?
  • Playground: Wie will ich meinen Alltag gestalten, welche Regeln gelten, was brauche ich um Freude und Spass zu verspüren?

«Nicht für alle ist es möglich, gemäss den eigenen Werten unternehmerisch und mit Mehrwert für die Gesellschaft tätig zu sein – dennoch wünschen sich viele Arbeitnehmer*innen einen Job mit mehr Purpose. Was ist dein Input für diese Personen?»

Auch das ist möglich. Meine Tipps dazu: 

  • Definiere für dich, wie dein Job mit Purpose aussehen soll. 
  • Schau, dass du innerhalb des Unternehmens einen Job mit Purpose haben oder kreieren kannst. Rede mit deiner oder deinem Vorgesetzten und äussere deinen Wunsch. In grossen Unternehmen gibt es eventuell die Möglichkeit die Abteilung, den Standort, das Team respektive den Job zu wechseln.
  • Wenn das nicht möglich ist, suche dir ein Unternehmen aus, das deinem Purpose entspricht. Dabei kann man die Unternehmensführung, Produkt und Dienstleistung, Mitarbeiterprogramm u.a. berücksichtigen. 
  • Kommuniziere aktiv was du willst, suchst und nutze deine Kontakte sowie dein Netzwerk.

«Du warst von Beginn an bei der Idee zu Awina stark involviert. Wie war die Anfangsphase?»

Ich war dabei als die Idee vor Jahren aufkam. Für die Gründer war klar, dass es eine Lösung braucht für Familien in der Rush Hour of Life – dem Lebensabschnitt der vielen Entscheidungen, in welchem das Familienbudget durch die Familiengründung und tiefere Lohnprozente meist stark belastet wird. 

Bezahlbarere Kitas würden viele Familien enorm entlasten. Aber nach vielen Jahren ohne Fortschritte in der Politik, die das Problem zwar erkennt, aber bis anhin keine Lösung schaffen konnte, war klar, dass ein Anstoss von Privaten nötig war. Schliesslich ist die ganze Kita Landschaft in der Schweiz dank Privaten entstanden und gewachsen. 

Mit Awina konnten wir als Unternehmer*innen eine Idee entwickeln, die eine Lösung für den Moment bietet, ohne Zeit zu verlieren. Wir tragen dazu bei, dass vor allem Frauen, die mehr arbeiten möchten, ihre Karriere auch mit Familie weiter verfolgen und gleichzeitig in sich selbst, aber auch in die Förderung ihres Kindes investieren können. Das macht mich stolz. 

«Welche Rolle hast du heute bei Awina?»

In der Anfangsphase habe ich Awina in der Positionierung, der Marketing- und Kommunikationskonzeption unterstützt und entsprechende kommunikative Massnahmen für den ersten Roll-Out definiert und teilweise umgesetzt. Seit der Entstehung der Idee und Gründung bin ich Sparringpartnerin vom Gründerteam, dem CEO und CMO. Gemeinsam arbeiten wir an der Expansion und Weiterentwicklung von Awina. Zudem unterstütze ich bei der Festlegung von strategischen Stossrichtungen und Botschaften. Auf meinem Spezialgebiet Kommunikation übernehme ich gelegentlich operative Arbeiten. 

«Warum passt Awina so gut zu deinen unternehmerischen Werten?»

Awina bedeutet in der Sprache der Maori «die Unterstützerin». Das finde ich ganz passend. Denn Awina unterstützt Familien in einer wichtigen Phase im Leben, in der Rush Hour of Life. Awina ist genau dann da, wenn eine Menge Fragen aufkommen, und bietet eine einfache Lösung zu einem «Problem», das heute noch nicht gelöst ist. Vor allem Frauen können dank der Finanzierungshilfe ihre Karriere vorantreiben. Sie können in sich selbst investieren, sich selbst verwirklichen, in die Vorsorge oder Pensionskasse einzahlen. Dies schafft mehr Luft für Familien in einer Phase, in der das Portemonnaie stark belastet wird. Awina bietet ein Werkzeug für Familien und trägt zu mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei. Das wiederum führt zu mehr Chancengleichheit. Und das macht die Welt doch etwas «schöner». 

«Warum braucht es Awina?»

Ich habe selbst erlebt, dass trotz viel Potenzial vor allem Frauen darauf verzichten, weiter im Arbeitsleben zu bleiben – und das vor allem, weil Betreuungsangebote und -lösungen fehlen. Zum Beispiel hat sich meine Mutter trotz Uni Abschluss und dem Traum, Ärztin zu werden, ihren drei Kindern gewidmet. Ich finde, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollten, das Lebensmodell zu leben, das sie wollen. Wer einen Zustupf wünscht, um mehr Freiheit zu haben, soll diesen erhalten. Eine Finanzierungshilfe hat bei uns in der Schweiz immer noch eine eher negative Konnotation. Dabei ist dies nichts Schlechtes – und eigentlich auch schon lange in unserer Kultur verankert. Schliesslich haben die meisten Hauseigentümer*innen eine oder mehrere Hypotheken, wir nutzen Kreditkarten, nehmen Payment-Angebote in Anspruch oder leasen ein Auto. 

«Was wünschst du dir für die Zukunft von Awina?»

Ich wünsche mir drei Dinge: 

  • Dass Familien, die ihre Kinder in der Kita betreuen lassen wollen, Awina kennen, den Mehrwert sehen und die Finanzierungslösung auch nutzen. Dass Eltern dadurch mehr (finanzielle) Freiheit gewinnen und in sich und ihre Zukunft investieren.
  • Dass Unternehmen sich Awina anschliessen, die Finanzierungslösung ihren Mitarbeitenden anbieten, sich an den Kosten beteiligen. So können sie effektiv zu mehr Chancengleichheit beitragen. 
  • Dass auch kritisch gestimmte Menschen einsehen, dass es sich bei Awina um eine Möglichkeit für Familien handelt, mehr Freiheit zu gewinnen. 
  • Dass Awina ein Werkzeug ist, das heute und jetzt eine Lösung bietet, mit dem keine weiteren Krippen Generationen verpasst werden.  


Aileen Zumstein ist Unternehmerin, mehrfache Gründerin, Founding-Member von Awina sowie Verwaltungs- und Stiftungsrätin. Ihr Antrieb in all ihren Tätigkeiten ist es, einen Beitrag für eine nachhaltigere und «schönere» Welt zu schaffen – und Menschen zu ermutigen, das Gleiche zu tun. Sie engagiert sich in diversen Branchen, wo sie Chancen sieht für bessere Produkte und Dienstleistungen. 

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