Vollzeit Oma? Das ist nichts für mich!

Die meisten Omas und Opas sind verrückt nach ihren Enkeln. Aber wie sieht es aus, wenn Grosseltern nur wenig Lust auf die Kinder ihrer Kinder haben? Marlise ist 68 und will keine Vollzeit-Oma sein. Ist das verwerflich?

„Als mein erstes Enkelkind zur Welt kam, erwartete alle Welt, dass ich ausser mir vor Freude sein würde. Dass ich genau zu dem Zeitpunkt in Rente ging, hielten alle für das perfekte Timing – allen voran meine Tochter. Denn dann hätte ich schliesslich jede Menge Zeit, sie mit dem Enkelkind – mittlerweile sind es zwei – zu unterstützen. Nun, es hat sich nur leider herausgestellt, dass ich alles andere als eine Vollzeit-Oma sein möchte. 

Ich liebe meine Tochter über alles und wir hatten immer ein enges Verhältnis – ich habe mich also sehr gefreut, als sie mir erzählte, dass sie schwanger ist. Als die kleine Marleen dann auf die Welt kam, fand ich sie natürlich unfassbar goldig. Aber es verlief alles gedämpfter, als bei meinen Freundinnen, die sich in unserer Whatsapp-Freundesgruppe mit den neuesten Babybildern und Videos ihrer Enkel regelrecht überboten. Wenn ich die Kleine mal für ein paar Stunden gehütet habe, damit meine Tochter schlafen konnte, hat mir das nicht so viel gegeben, wie es vielleicht sollte und ich ertappte mich dabei, dass ich einen erleichterten Freudenhüpfer machte, wenn ich aus der Wohnung trat, wieder „für mich“ war und mir nicht in die Ohren geschrien wurde. 

Das habe ich so nicht kundgetan. Bei niemandem. Ich wollte meine Tochter und meinen Schwiegersohn nicht verletzen. Und ob ich bei meinen Freundinnen auf Verständnis stossen würde, die voll und ganz in ihrem Job, Grossmutter zu sein, aufgehen? Wohl eher nicht… Ich hätte zunächst auch gar nicht gewusst, wie ich das hätte erklären sollen, denn ich liebe Marleen ja. Aber eben nicht so enthusiastisch.“   

„Ich musste meiner Tochter die Hoffnung nehmen, dass ich permanent für ihre Kinder da sein würde.“

„Anfangs fiel es auch nicht so auf, denn meine Tochter musste sich als Mutter erst einmal einfinden. Sie merkte gar nicht, wie wenig ich mich darum riss, die Kleine zu mir zu nehmen. Das änderte sich, als Matteo geboren wurde, zwei Jahre nach Marleen. Meine Tochter sprach mich darauf an, dass wir doch mal einen festen Zeitplan machen könnten, an welchen Tagen ich die Kinder hüten könnte. Mal abgesehen, dass die zwei Kinder ihr einiges an Kraft abverlangten, wollte sie auch gern wieder in Teilzeit in ihren alten Job zurück. Die Kosten für die Kita sind aber so hoch, dass ihr Gehalt fast vollständig dafür draufgeht. Drei Tage in der Woche schlug sie mir vor. Und ab und zu ein Wochenende. 

Das war dann der Zeitpunkt, an dem ich ihr die Hoffnung nehmen und ihr sagen musste, dass ich gern ab und zu Besuche der Enkel hätte und im Notfall auch mal einspringen würde, aber mit mir planen? Das wollte ich nicht. Und jetzt, ein Jahr später, hat sich daran nichts geändert: Ich möchte zu nichts verpflichtet werden.“

„Die Zeit, die mir bleibt, will ich machen, wozu ich Lust habe.“

„Ich habe lange darüber nachgedacht, warum sich meine Lust, das Leben voll nach den Enkeln auszurichten, in Grenzen hält. Mir fallen mittlerweile einige Gründe ein: Allen voran ist es mir wichtig, mein eigenes Leben zu leben und nicht von jemandem gelebt zu werden.

Das war nämlich die meiste Zeit meines Lebens so. Ich habe ziemlich hart gearbeitet und hatte wenig Unterstützung. Dafür kann niemand etwas, meine Eltern starben früh, mein Ex-Mann hat sich für ein anderes Leben entschieden. Aber es hat bedeutet, dass ich mein Leben der Arbeit und meinen beiden Kindern (ich habe noch einen Sohn) gewidmet habe. Für meine Selbstverwirklichung war ich am Abend zu müde. Und mit Mitte 50 habe ich gemerkt, dass ich vom Sofa nicht mehr so gut hochkam wie in jungen Jahren – will sagen, bei aller Sportlichkeit: Die besten Jahre des Körpers sind jetzt längst vorbei, und ich habe Glück, dass ich noch so fit bin. Was weiss ich, wie es mir gesundheitlich in zehn Jahren geht. 

Deswegen habe mir vorgenommen: Ich will reisen und all die Dinge machen, die ich noch machen kann, bevor ich immer unbeweglicher werde. Und wenn ich ehrlich bin geniesse ich dieses Leben total. Neulich war ich in Paris und danach habe ich die Schlösser der Loire besucht, es war traumhaft. Und der zweite Grund, den ich so nie laut aussprechen würde, ist, dass ich unfassbar wenig Lust verspüre, wieder „indirekt“ Mutter von Kleinkindern zu sein. Ich will nicht mehr kochen, basteln, vorlesen oder irrationale Wutanfälle über mich ergehen lassen – zumindest nicht in verpflichtender Weise. Es gibt mir so rein gar nichts – im Gegenteil, es strengt mich an. Wenn meine Enkel zu Besuch kommen, dann ist das etwas anderes, dann verwöhne ich sie gern – für ein paar Stunden.“

„Ich finde, die Erwartungen meiner Tochter an mich, sind vermessen.“ 

„Leider ist mein Mutter-Tochter-Verhältnis seitdem angeknackst. Andere Grosseltern würden sich drum reissen, möglichst viel Zeit mit den Enkeln zu verbringen, führt meine Tochter an und wirft mir Egoismus vor. Ich würde ausserdem ihre Karriere nicht unterstützen. Aber wie lange soll ich das noch machen? Ich habe ihre Hausaufgaben kontrolliert und ihr beim Studium finanziell geholfen. Ist es da nicht verständlich, dass ich jetzt mich selbst an erste Stelle setze? 

Ich finde ihre Erwartungen an mich zu vermessen. Was ist denn mit ihrem Mann? Warum kann er nicht etwas zurückschrauben? Und es existieren nun einmal Kitas – auch wenn sie extrem teuer sind. Wenn ich Kinder in die Welt setze, bin ich in erster Linie für sie verantwortlich und nicht die Grosseltern. Da darf man dann nicht stinkig auf sie sein, weil diese keine Lust oder andere Pläne haben. Klar, ich verstehe sie auch, dass sie nicht ewig Vollzeitmama sein möchte – sie liebt ihre Kinder und ihre Arbeit. Aber es ist auch nicht meine Schuld, dass es eben kein ganzes Dorf mehr gibt, das die Kinder erzieht. Die Gesellschaft hat sich verändert. Und ich bin keine Nanny, sondern eine Frau, die nicht gelangweilt auf dem Sofa sitzt und wartet, bis die Kinder anrufen. 

Im Gegenzug möchte ich später auch keine Belastung für meine Kinder sein. Ich würde mich freuen, wenn wir in regelmässigen Abständen etwas gemeinsam machen. Vielleicht wachse ich auch noch mehr in die Rolle rein, wenn die Enkelkinder grösser werden. Dann kann ich vielleicht mehr mit ihnen anfangen. Ja, und dann ballere ich meine Whatsapp-Gruppe zu – mit Teenager-Fotos.“

Awina unterstützt Familien bei der Finanzierung von Kita-Plätzen und setzt sich so für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein.

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