Wie rede ich mit Kindern über Krieg

Wenn Krieg herrscht, kann das nicht nur Eltern Angst machen, sondern auch Kindern. Umso wichtiger ist es, dass Eltern auch über ernste und schwierige Themen mit ihren Kindern sprechen – einfühlsam, altersgerecht und an den individuellen Entwicklungsstand des Kindes angepasst. Wir haben die pädagogische Leitung der KiMi Krippen, Barbara Schaffner dazu befragt, wie das gehen kann und welche Tipps sie für Eltern kleiner Kinder hat.  

Barbara Schaffner, wie gehen Kinder erfahrungsgemäss mit Themen wie Krieg um?

Das ist ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehört das Alter des Kindes, aber auch die Art und Weise der Konfrontation mit dem Thema. Also, wurden sie zum Beispiel auf Social Media oder über News im TV oder im Internet auf das Thema aufmerksam, oder ist das Thema in der Familie präsent? Auch relevant sind der Wissensstand und die verschiedenen Sorgen und Ängste des Kindes. Bei älteren Kindern, ab ca. Kindergartenalter, können Eltern in Erfahrung bringen, was sich Kinder eigentlich unter «Krieg» vorstellen. So können sie auch besser auf ihre Sorgen und Ängste eingehen. 

Sind Themen wie Krieg auch in der Kita präsent? Wie erlebst du das ganz aktuell?

Für die Kinder, die wir in der Kinderkrippe betreuen, ist der Krieg aufgrund ihres Alters nur sehr wenig präsent. Bei den älteren Kindern im Hort hängt dies stark mit der direkten oder indirekten Konfrontation im Alltag ab – über Social Media, Bilder oder Plakate, über Gespräche in der Familie etc. Hier entstehen Gespräche und es kommen Fragen auf, beispielsweise am Mittagstisch. Die Betreuungspersonen nehmen die Fragen der Kinder ernst und holen sie entsprechend ihrem Wissensstand ab.

Ab welchem Alter soll man mit Kindern über das Thema Krieg sprechen?

Wichtig ist es, dass die Eltern den Medienkonsum der Kinder zum Thema Krieg vermeiden oder zumindest kontrollieren. Sie sollen den Kindern das Thema nicht aufdrängen, sondern auf allfällige Fragen der Kinder eingehen, offene (Rück-)Fragen stellen und so das Vorwissen und die Sorgen abholen. Zum Beispiel mit Fragen wie «Was stellst du dir unter Krieg vor?», «Was denkst du, wie kann ein Krieg entstehen?» oder «Hast du eine Idee, was es braucht, damit Frieden entstehen kann?» Das Thema Krieg ist für junge Kinder sehr abstrakt. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern sie mit ihren Erklärungen nicht überfordern oder zusätzlich verängstigen. Eltern sollen ihre Kinder individuell da abholen, wo sie sich entsprechend ihrer Entwicklung befinden.

Was sind deine fünf wichtigsten Tipps dazu, wie Eltern das Thema Krieg mit ihren Kindern besprechen sollen?

Diese Punkte sind für mich besonders wichtig: 

  • Passt die Sprache dem Entwicklungsstand des Kindes an. Hört zu, fragt nach und nutzt einfache, verständliche Begriffe, die die Kinder nicht überfordern. Achtet auf eine positive Wortwahl und verzichtet auf Spekulationen und Mutmassungen. 
  • Nehmt die Fragen des Kindes ernst und beantwortet sie kindgerecht. Gegenfragen an das Kind können ihm helfen, sich eigene Antworten zu erarbeiten.
  • Seht ihr in einer Zeichnung Kriegssituationen, sprecht euer Kind darauf an, aber achtet darauf, den Inhalt nicht zu werten.
  • Sprecht neben dem Krieg auch über den Frieden, um so dem Kind eine Perspektive zu bieten und Hoffnung zu geben. 
  • Gebt dem Thema nur einen begrenzten, definierten Zeitraum im Alltag. Diskutiert Krieg also beispielsweise nicht vor dem Schlafengehen.

Sollen Eltern Kinder in ihre Hilfeleistungen einbeziehen (z.B. beim Spenden von Geld oder Kleidern / Spielsachen)? Wie sieht es bei der Teilnahme an Friedenskundgebungen aus?

Wenn ein Kind Angst vor Krieg hat, sollten die Eltern im Gespräch herausfinden, worauf die Angst begründet ist und gemeinsam mögliche Lösungsansätze erarbeiten, mit denen die Familie aktiv werden kann. Beispielsweise könnt ihr als Familie bei einer Sammelaktion für betroffene Familien teilnehmen, flüchtende Personen aufnehmen, etc. Dabei dürfen Kinder nicht für Aktionen missbraucht werden, deren Sinnhaftigkeit für sie nicht nachvollziehbar ist.

Ist ein Kind traumatisiert, hilft ein stabiles Umfeld mit Personen, die Sicherheit und Orientierung vermitteln und es sollte eine Therapie in Betracht gezogen werden. 

Sollen Eltern ihre eigenen Gefühle den Kindern über offen zeigen? Wie können sie die eigenen Sorgen nicht herunterspielen, ohne sie auf die Kinder zu übertragen?

Direkt betroffene Eltern tragen die Verantwortung, ihre Kinder nicht unnötig mit ihrer eigenen Angst zu belasten oder diese gar auf die Kinder zu übertragen. Das heisst aber nicht, dass man das Thema komplett ignorieren soll: Die Kinder benötigen von ihren Eltern eine kindgerechte Erklärung für allfällige Gefühlsäusserungen. So können sie diese richtig einordnen. Ansonsten fühlen sich die Kinder verunsichert.

Sollte man mit Kindern auch Nachrichten schauen? Ab welchem Alter kann das sinnvoll sein?

Es gibt Angebote, bei denen Nachrichten kindgerecht aufgearbeitet werden (siehe unten). Diese Formate sind auf jeden Fall anderen Nachrichten vorzuziehen. Es gibt aber kein bestimmtes Alter, ab dem es sinnvoll ist, Nachrichten zu schauen. Ob das Kind dazu bereit ist, hängt vielmehr von der individuellen emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung ab. 

Hier finden Eltern wertvolle weiterführende Informationen: 

  • Die SRF Kinder News erklären Themen aus der Schweiz und der Welt kindgerecht
  • Bei ZDF logo! werden Nachrichten für Kinder und Jugendliche aufbereitet
  • Die Sendung mit der Maus erklärt aktuelle Themen altersgerecht und einfühlsam und bietet auf der «Elefantenseite» viele Tipps und Informationen für Eltern 
  • Im Kinderlexikon finden sich kindgerechte Erklärungen für Eltern, denen manchmal die richtigen Worte auf Kinderfragen fehlen 
  • Wir Eltern und Fritz&Fränzi bieten Ratgeber, Expertentipps und Informationen auch zu aktuellen Themen

Hilfe für Eltern gibt es beim Elternnotruf oder bei Pro Juventute, die auch viele Informationen rund um ernste Themen wie Krieg oder Klimawandel bereitstellen.
Eltern, die mit den eigenen Gefühlen etwas überfordert sind, können auf Wie-gehts-dir.ch lernen, ihre Emotionen zu erkennen und zu benennen.

Wie gehen Eltern am besten damit um, wenn Kinder mit «Fake News» oder wilden Spekulationen in Berührung kommen (z.B. von Gspänli oder Eltern anderer Kinder) und diese weitererzählen? 

Hier ist es an den Eltern, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie sollten dem Kind die Möglichkeit geben, auch andere Perspektiven einzunehmen und es dabei unterstützen, sich eine eigene Meinung zu bilden. 

Worauf sollten Fachpersonen achten, wenn sie Kinder betreuen, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten? 

Für die Eingewöhnung muss viel Zeit eingerechnet werden. Dem Kind muss die Möglichkeit geboten werden, eine sichere und verlässliche Bindung zu der Betreuungsperson aufzubauen. Nebst dem Beziehungsaufbau zum Kind, ist es zentral, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Als zusätzliche Hürde wirken hier oft die sprachliche Verständigung sowie der kulturelle Hintergrund. Es benötigt viel Verständnis und Offenheit von allen Seiten. Die Betreuungspersonen beobachten das Kind, nehmen seine Bedürfnisse wahr und unterstützen es individuell in seiner Entwicklung. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Integration. Auch ein regelmässiger Austausch mit den Eltern ist besonders wichtig.

Barbara Schaffner ist die pädagogische Leiterin der KIMI Krippen AG und setzt sich zusätzlich im Vorstand von KiQ (unabhägige Kitas für Qualität) dafür ein, die Bedingungen für Kinder, Familien und Mitarbeitenden in der Kinderbetreuung weiterzuentwickeln. Als pädagogische Leiterin ist es ihr besonders wichtig, die Neugierde des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen und es den Kindern auf spielerische Weise zu ermöglichen, die Welt zu entdecken.

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