Kita-Kosten in der Schweiz: Wer soll bezahlen?

Portrait Gogo Schumacher

«Fortschritt im Betreuungsbereich ist relativ»: Krippen-Gründer Gogo Schumacher zur Kita-Landschaft Schweiz

Er weiss, wie man erfolgreich ein Kita-Netzwerk aufbaut – und warum eine lange Warteliste noch lange nicht bedeutet, dass am Eröffnungstag auch tatsächlich ein Kind auftaucht: Gogo Schumacher hat 2006 das Krippen-Netzwerk «KiMi Krippen» gegründet und ist Mitgründer von Awina. Im Interview erzählt er, was es braucht, um ein erfolgreiches Betreuungsangebot zu lancieren und was ihm in seiner «KiMi»-Zeit besonders viel Freude bereitet hat. Und: er erklärt, warum es nicht darum geht, weshalb Krippenplätze vermeintlich so teuer sind, sondern darum, wer diese bezahlen soll. 

«Gogo, du hast vor Jahren mit den «KiMi Krippen» ein erfolgreiches Netzwerk zur Kinderbetreuung aufgebaut. Was hat dich dazu bewogen?

Vor rund 17 Jahren hatte ich den grossen Wunsch, mich mit etwas Sinnvollem selbstständig zu machen. In meinem Umfeld kamen zu diesem Zeitpunkt viele Kinder zur Welt. Die fehlenden Krippenplätze waren damals schon das beherrschende Thema. Nach einer Studie kam ich zum Schluss: Da tut sich eine Möglichkeit auf – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch dafür, einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen. So sind die «KiMi Krippen» dann entstanden. 

«Die KiMi-Krippen AG wurde 2006 gegründet. Wie ist das abgelaufen? Gab es von Anfang an eine lange Warteliste?»

Das war sehr spannend! Auf unserer Warteliste waren über 80 Kinder. Als wir dann aufgemacht haben, kam kein Einziges. Was aus heutiger Sicht völlig klar ist, mussten wir zuerst lernen: Die Eltern wollen das Team und die Krippe zuerst kennenlernen. Die zweite Herausforderung war, dass niemand sein Kind in eine leere Krippe bringen will. Schliesslich ist der Austausch mit anderen Kindern auch einer der Hauptgründe, weshalb sich Eltern dafür entscheiden, ihr Kind in eine Kita zu geben. Wir haben gelernt, dass es Zeit braucht, um eine Struktur aufzubauen. Wenn das dann mal läuft, füllt sich die Kita aber wahnsinnig schnell. 

«Was war dein Highlight in all den Jahren mit den «KiMi Krippen?» 

Die Mitarbeiter*innen! Ganz eindeutig! Ich durfte in meiner Karriere schon in vielen Branchen und Berufen arbeiten. Aber die Motivation, das Commitment und die Lernbereitschaft ist bei den Menschen, die in der Kinderbetreuung tätig sind, einmalig. Auch habe ich noch nie so viele kompetente Führungspersönlichkeiten getroffen wie in der Kita. Alle Betreuer*innen müssen sich schliesslich jeden Tag vor elf Kinder mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten stellen und deren Tag strukturieren. Dafür muss man ready sein. 

«Seit dem Start der «KiMi Krippen» hat sich in der Schweiz in Sachen Kinderbetreuung einiges verändert. Welche Veränderungen siehst du?»

Das ist sehr relativ. Zwar haben sich einige Gemeinden dazu entschlossen, Familien zu unterstützen. Aber wir sind hier immer noch ein Entwicklungsland. Hingegen sind wir in der Ausbildung einen grossen Schritt weitergekommen. Fachmann / Fachfrau Betreuung ist heute ein anerkannter Beruf. Positiv ist sicher auch, dass sich Krippen in ihrer Daseinsberechtigung nicht mehr rechtfertigen müssen. Da ist sich die Gesellschaft einig. Der Staat hat aber in der Schweiz bei der Unterstützung noch viel Nachholbedarf. 

«In der Regel ist ein Krippenplatz in der Schweiz relativ teuer. Nicht alle Familien können diesen einfach finanzieren. Was soll sich hier ändern?»

Kitas bilden nur die geforderten Strukturen ab. Die Behörden schreiben vor, wie viele Stellenprozente in welcher Ausbildung beschäftigt werden müssen. Schliesslich hängt Qualität unmittelbar vom Betreuungsschlüssel und der Ausbildung ab. Gleichzeitig haben wir aber ein bescheidenes Lohnniveau in der Branche. Ich bin der Meinung, dass die Betreuungs-Branche einen GAV braucht. Der Staat schreibt mit den Personalanforderungen den grössten Kostenfaktor vor. Mit einem GAV können die Kita-Betreiber*innen dann auch die Löhne regeln. Im Kern muss man sich aber nicht die Frage stellen, warum ein Kita-Platz teuer ist, sondern, wer diesen bezahlen soll. Heute ist die Hauptlast bei den Familien.

Welches sind die höchsten Kostenpunkte einer Kita? Wieso können sich viele nur knapp über Wasser halten? 

Ganz klar Personal. Über 90 Prozent der Kitas in der Schweiz sind Einzelbetriebe und sind nicht Teil eines Netzwerks. Kommt es zu Ausfällen, zum Beispiel weil eine Betreuungsperson krank wird oder schwanger ist, müssen sich diese kleinen Teams selbst organisieren. Dies führt dann oft zu punktuellen Arbeitsüberlastungen. Und: die Anforderungen an die Leitung steigen stetig und es wird mehr Bürokratie und Administration verlangt.

Hinkt das Betreuungsangebot in der Schweiz dem gesellschaftlichen Wandel schlichtweg nach – oder gibt es einfach zu wenige innovative Ideen? 

In der Schweiz vergleichen wir uns sehr gerne mit den Staaten, in denen es für Familien viel einfacher scheint, Betreuungsangebote zu bekommen. Man muss dann aber auch genau hinschauen, wer für die Kosten aufkommt. In der Schweiz verlassen wir erst gerade den Diskurs über die Notwendigkeit von ausserfamiliärer Betreuung. Jetzt diskutieren wir, wie wir die Betreuung umsetzen wollen. Wirklich viel «Handfestes» sehe ich hier aber leider noch nicht. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass Private den effektiven Aufbau von Krippenplätzen in der Schweiz übernommen haben. Klar, der Staat hat angeschoben, ist aber selbst nie ein wirtschaftliches Risiko eingegangen. 

Gibt es neben Awina innovative Projekte im Bereich der Kinderbetreuung, die du besonders spannend findest? 

Interessant finde ich das Netzwerk «KIQ», das auf Initiative einiger grossen Anbieter entstanden ist. «KIQ» versucht den Spagat zwischen den Interessengruppen der Kita- und Fremdbetreuungsbranche zu vermitteln und eine aktive Rolle einzunehmen.

Wie sieht deine ideale Schweiz in Bezug auf Kinderbetreuung aus?

Im Zentrum soll die Wahlfreiheit der Eltern stehen. Sie sollten entscheiden, welche Form ihnen am besten passt. Der Staat soll eine stärkere Rolle bei der Wirtschaftlichkeit übernehmen. Das Dreieck Familie-Wirtschaft-Staat handelt die Rahmenbedingung aus und sorgt dafür, dass diese finanziell tragbar sind. 

Gogo Schumacher ist Betriebsökonom und engagiert sich seit über 20 Jahren mit verschiedenen Start Ups. 2006 hat er das Schweizer Krippen-Netzwerk «KiMi Krippen» gegründet, 2019 lancierte er mit Thomas Russenberger «Awina». Der Schweizer Finanz-Partner, der Eltern mit kleinen Kindern während der «Rush-Hour of Life» die finanziellen Lasten von den Schultern nimmt.

Diesen Beitrag teilen