Was man über Altersvorsorge wissen sollte

Portrait Jackie Bauer

Das Thema Altersvorsorge ist hochaktuell. Was aber gilt es konkret zu tun? Im Interview verschafft UBS-Vorsorgeexpertin Jackie Bauer einen Überblick. Sie erklärt, was man über die Altersvorsorge wissen muss, wie man typische Fehler vermeidet und warum der richtige Zeitpunkt «immer jetzt» ist.

Altersvorsorge – das ist ein Thema, mit dem sich viele Menschen nicht gern befassen. Was sollte jeder und jede trotzdem unbedingt darüber wissen?

Ohne Finanzen geht leider wenig im Leben. Trotzdem muss man kein Experte sein oder sich tagtäglich mit dem Thema befassen. Wer die Vorsorge gezielt angeht, erspart sich langfristig böse Überraschungen und hat seinen Seelenfrieden. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich um die Vorsorge zu kümmern? Ist es irgendwann zu spät?

Der richtige Zeitpunkt ist «immer jetzt». Je früher man damit beginnt, die Weichen zu stellen, desto einfacher ist es und desto weniger Aufwand wird es insgesamt sein. Es ist aber nie zu spät. Man kann immer etwas optimieren.

Wie verschafft man sich einen Überblick über den Stand der eigenen Vorsorge?

Grundsätzlich macht es Sinn: 

1. Bei der kantonalen AHV-Ausgleichskasse einen Kontoauszug oder eine Rentenvorausberechnung anzufordern. 

2. Den Pensionskassenausweis regelmässig anzuschauen und evtl. auch hier eine Simulation der Rente zu verlangen. 

3. Ein Budget zu erstellen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Einnahmen und Ausgaben während des Erwerbslebens und im Ruhestand zueinander stehen. So kann man leichter beurteilen, ob das Einkommen im Rentenalter reichen wird. 

Ein Budget ist übrigens auch während des Erwerbslebens super. So sieht man rasch, wie viel Sparpotenzial man hat. In meiner Erfahrung ist das mehr, als die meisten denken!  

Was sind typische Fehler bei der Vorsorge und wie vermeidet man sie?

Die Klassiker sind sicher:

Sich komplett auf den Partner (in vielen Fällen den Mann) zu verlassen. Sei es, dass er genug für die AHV und die Pensionskasse auf die Seite legt, damit es für beide reicht, wie auch dass er die Finanzen allgemein managt. Es zahlt sich aus, wenn sich beide zumindest an den finanziellen Entscheidungen beteiligen und am besten auch selbst eine Pensionskasse aufbauen. 

Sich auf das System zu verlassen. Die AHV ist nicht gesichert, denn aufgrund der demografischen Entwicklungen gibt es immer weniger Erwerbstätige, die durch ihre Einzahlungen immer mehr Rentner finanzieren müssen. Diese Rechnung geht nicht auf. Und auch die Pensionskassenrenten sind aktuell zu grosszügig, wenn man berücksichtigt, was die Finanzmärkte an sicheren Renditen liefern. Um sich dagegen abzusichern, macht es Sinn, privat mit der Säule 3a zu sparen. 

Sich auf die Kinder zu verlassen. Zum einen ist die klassische Rollenverteilung unter den jüngeren Generationen nicht mehr gegeben und zum anderen müssen sich die Kinder aufgrund der Systemlücken immer mehr um sich selbst kümmern.

Worauf sollte man achten, wenn man eine längere Erwerbspause einlegen möchte (z.B. Elternpause)?

Es ist wichtig, dabei nicht nur kurzfristig zu denken sondern langfristig. Man sollte sich genau überlegen, warum man diese Pause einlegt und was die Auswirkungen sind. Ich verstehe beispielsweise, wenn jemand für die Kinder zuhause bleibt, weil «die Kita so teuer ist, dass mein ganzer Lohn sowieso dafür drauf gehen würde». Aber was dabei oft vergessen wird, ist, dass nicht nur Geld ein Faktor ist. Daneben sollte man auch den Einfluss auf die AHV und Pensionskasse sowie das Netzwerk und die beruflichen Fähigkeiten, die mit der Zeit an Aktualität verlieren und ohne die ein späterer Wiedereinstieg schwer fallen kann, bedenken.

Teilzeitarbeit und eine vernünftige Vorsorge, von der man im Alter leben kann. Schliesst sich das gegenseitig aus? 

Nicht unbedingt. Am Ende geht es immer darum, dass man im Rahmen seiner Verhältnisse lebt – und das nicht nur im Moment, sondern auch in der Zukunft. Sprich: Wer heute weniger arbeiten will, muss wissen, was das für die Vorsorge bedeutet und auch den eigenen Lebensstil langfristig daran ausrichten. 

Was tun bei Vorsorgelücken?

Auffüllen. Aber Vorsorgelücken sind subjektiv. Man muss so viel Kapital oder Einkommen haben, wie man braucht, um seinen Lebensstil zu finanzieren. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Beim Auffüllen der Lücken würde ich zuerst die 3a empfehlen, da dieses Vorsorgekapital nicht von den Schwierigkeiten der 1. und 2. Säule betroffen ist. Dann kann man je nach Situation – Arbeitgeber, Gesundheit der Pensionskasse, Einkommen, Steuern, Alter, etc. – auch die 2. Säule in Betracht ziehen. 

Gibt es im Hinblick auf die Altersvorsorge Sonderregelungen für Ehepaare? Oder solche, die man bei einer Scheidung unbedingt im Hinterkopf behalten – und im Idealfall schon im Voraus festlegen – sollte?

Grundsätzlich gehört für mich zu einer ganzheitlichen Vorsorgeplanung auch ein Vorsorgeauftrag. Wer soll finanzielle und medizinische Entscheide für einen treffen oder sich um die Kinder kümmern, wenn einem was passiert? Sinnvoll sind darum eine gegenseitige Bankvollmacht, ein Testament und eine Patientenverfügung wie auch ein Ehe- oder Konkubinatsvertrag. Klar, das sind nicht die romantischsten Beziehungsmomente, aber in den meisten Fällen macht man das ein oder zweimal im Leben. Das gibt einem die Gewissheit, dass im Ernstfall alles geregelt ist. Das ist viel wert. 

Wann macht es Sinn, in die Säule 3a einzuzahlen? Ist es wirklich eine Vorsorgelösung für alle?

Ja, die Säule 3a ist ein super Tool, um langfristig Vorsorgekapital anzuhäufen und gleichzeitig auch noch Steuern zu sparen. Das macht zu jedem Zeitpunkt Sinn. Man kann das natürlich auch ohne die 3a machen. Aber den meisten fehlt die Disziplin, diese Ersparnisse wirklich für den Ruhestand aufzusparen und nicht anzufassen. Deshalb würde ich die 3a bevorzugen. Wer ein Eigenheim mit Hypothek besitzt kann die 3. Säule zur indirekten Amortisation nutzen, also 3a-Kapital einzahlen, anlegen, vermehren und da die Bank dieses Geld als Sicherheit hat muss man weniger direkte Amortisation zahlen.  

Was für Lösungen für die Säule 3a gibt es und worin unterscheiden sie sich?

Grundsätzlich kann man die Säule 3a bei einer Versicherung oder bei einer Bank machen. Beides hat Vor- und Nachteile. Für mich persönlich überwiegen die Vorteile einer Banklösung – man verfolgt hier nur das Ziel Kapital anzuhäufen und hat innerhalb der 3a die maximale Flexibilität. Eine Versicherung sollte man gezielt für die Fälle abschliessen, für die man sie braucht und genau dann wenn man sie braucht. 

Sollte man das Geld auf dem 3a-Konto anlegen? Wenn ja, wie?

Absolut. Das ist vor allem für junge Leute wichtig, denn beim Investieren ist die Zeit auf unserer Seite. Auf dem Konto verliert das Geld langfristig an Wert. Je länger der Zeithorizont und je grösser die persönliche Risikotoleranz, desto mehr kann man in Aktien investieren. Davon profitiert man in vielen Fällen, vor allem vom Zinseszinseffekt.

Wann macht es Sinn, mehrere 3a Konten zu haben und was sollte man dabei beachten?

Mehrere Konten machen nur Sinn, wenn man diese getrennt voneinander beziehen und somit die Steuerprogression brechen kann. Beim Bezug aufgrund von Ruhestand muss man immer das ganze Konto leeren und einmal eingezahlt kann man das auch nicht mehr aufteilen. Also muss man sich das im Voraus gut überlegen. Das Gesetz erlaubt, die Säule 3a bis zu fünf Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter zu beziehen. Somit macht eine maximale Zahl von fünf Konten Sinn. Allerdings sollte man mit der zuständigen Steuerbehörde prüfen, ob die das auch so sehen.

Zum Abschluss: Welchen Ratschlag möchtest du allen Leser:innen mit auf den Weg geben?

Vorsorgen ist wie ins Fitnessstudio gehen – auf dem Sofa liegen ist viel bequemer, aber wenn man sich eine Stunde lang gequält hat, fühlt man sich hinterher viel besser. Und es trägt zu einem gesünderen Älterwerden bei, wenn man bei der Vorsorge ein gutes Gewissen hat.

Jackie Bauer ist Ökonomin im Chief Investment Office der UBS und für die Recherche zum Vorsorgesystem und damit verbundenen Investitionen zuständig. Ihre Expertise liegt im Schweizer Vorsorgesystem sowie in der Anlageberatung auf persönlicher und institutioneller Ebene. Zuvor war Jackie als vermögensübergreifende Strategin sowie in verschiedenen Funktionen im Projekt- und Produktmanagement bei der UBS tätig. Jackie hat im Bachelor International Business an der Victoria University in Melbourne und im Master Management und Volkswirtschaft an der Universität Zürich studiert. Ausserdem ist sie Inhaberin eines CFA-Charters, promoviert derzeit in politischer Ökonomie und tritt regelmässig als Referentin auf.

Awina unterstützt Familien mit Hilfe von zweckgebundenen Krediten aktiv bei der Finanzierung von Kita-Plätzen und setzt sich so für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Damit Eltern im Idealfall mit einem Bein im Berufsleben bleiben und so Lücken in der Altersvorsorge vermeiden.

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