«Women Back to Business»: Worauf beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu achten ist

Patricia Widmer

Ob zwei Monate, zwei Jahre oder zwei Jahrzehnte – der Wiedereinstieg ins Berufsleben ist eine Herausforderung. Im Interview erklärt Dr. Patricia Widmer, die an der Universität St. Gallen das Programm «Women Back to Business» leitet, warum es solche Weiterbildungen braucht, wie man den Wiedereinstieg am besten angeht und was man schon während der Elternpause tun kann, um sich später die Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Sie leiten an der Universität St. Gallen das Programm «Women Back to Business» – eine Management-Weiterbildung für Frauen, die nach einer Familienpause ins Erwerbsleben zurückkehren wollen oder einen Positionswechsel anstreben. Warum braucht es dieses Programm?
Dafür gibt es drei Gründe: die Organisationen, das Umfeld der Frauen und die Frauen selbst.

Als Erstes sehen die Unternehmungen oft die Vorteile einer Kandidatin, die wiedereinsteigt oder umsteigt nicht. Sie fokussieren zu stark auf das, was nicht da ist (bspw. die Lücke), und zu wenig auf die positiven Aspekte wie die grosse Motivation, die Berufs- und Lebenserfahrung sowie die Loyalität der Frauen, die eine gewisse Stabilität in die Teams bringt. Hier setzt das WBB Programm an, um den Arbeitsmarkt entsprechend zu sensibilisieren.

Der zweite Punkt ist das private und familiäre Umfeld vieler Frauen, das teilweise grosse Erwartungen an die Frauen bezüglich ihrer Rolle als Mütter und Partnerinnen hat. Dem entgegenzuwirken ist oft schwierig. Da hilft es, sich mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation auszutauschen und von der Gruppe unterstützt zu werden. Einen solchen geschützten Austausch bietet das WBB Programm.

Der dritte Grund liegt bei den Frauen selbst. Denn sie glauben oft nicht an sich oder wissen nicht, wie sie sich positionieren sollen. Durch ein umfassendes Begleitprogramm werden die Teilnehmerinnen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung nicht nur unterstützt, sondern auch befähigt, den nächsten beruflichen Schritt zu tun.

Welche Hindernisse stellen sich insbesondere Frauen bei der Rückkehr ins Erwerbsleben in den Weg und wie überkommt man sie?
Oft ist es die Lücke im Lebenslauf. Damit sind Ängste verbunden oder auch die Wahrnehmung, nicht mehr attraktiv für den Arbeitsmarkt zu sein. Es fehlt an Selbstbewusstsein und an Selbstwertgefühl. Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frauen in der Schweiz sowie das Schulsystem sind heute immer noch eine grosse Herausforderung und hinderlich für einen Wiedereinstieg. Damit einhergehend sind es die kleinen Pensen, die Frauen beim Wiedereinstieg anstreben und die oft nicht in Unternehmen vorhanden sind. Es hilft sicher, den Wiedereinstieg mit einem Pensum von mindestens 50-60% zu planen. Zudem werden 75% aller Stellen übers Netzwerk vergeben. Ein Netzwerk muss aber zuerst wieder aufgebaut werden. Hier setzt unser Programm an. Wir haben ein starkes Netzwerk mit Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, die das WBB-Programm kennen und immer wieder WBB-Frauen einstellen.

Gibt es einen «richtigen» Zeitpunkt für den Wiedereinstieg? Oder ist es umgekehrt irgendwann zu spät, um im Berufsleben noch den Anschluss zu kriegen?
Einen richtigen Zeitpunkt für den Wiedereinstieg gibt es per se nicht. Es gibt Frauen mit kurzen Pausen, die sich sehr schwertun, und andere mit sehr langen Pausen (mehr als 10 Jahre), die den Wiedereinstieg sehr schnell meistern. Es kommt weniger auf den Zeitpunkt an als vielmehr auf das Mindset und die Einstellung. Eine agile, dynamische sowie offene Herangehensweise hilft der ganzen Sache sehr. Wer flexibel auf die verschiedensten Gegebenheiten reagiert, kann schnell auf spannende Opportunitäten reagieren und sich so als interessante Kandidatin positionieren.

Wie plant man einen Wiedereinstieg am besten? Worauf sollte man achten?
Ein wichtiger Punkt ist die Organisation zu Hause. Diese sollte man früh in Angriff nehmen und Erwartungen diskutieren. Sind Fragen der Kinderbetreuung und weiteren häuslichen Aufgaben erstmal geklärt, ist der Kopf frei für den nächsten Schritt. Ausserdem ist das Netzwerk äusserst wichtig. Dabei geht es um das private wie auch um das berufliche Netzwerk. Der Austausch mit vielen Menschen hilft, um den Wiedereinstieg zu planen und zu konkretisieren. Zudem kann eine Weiterbildung sehr unterstützend wirken. Insbesondere wenn dabei neben der fachlichen auch die persönliche Entwicklung im Fokus steht (so wie beim WBB Programm).

Was können Mütter und Väter, die bald eine längere Auszeit planen oder noch am Anfang ihrer Elternpause stehen, tun, um sich später die Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu erleichtern?
Vernetzt bleiben, das Wissen auf dem neuesten Stand halten und durch mögliche ehrenamtliche Positionen, kleinere Mandate oder Weiterbildungen trotz Auszeit eine Lücke im Lebenslauf vermeiden. Den Kontakt zu Arbeitskolleg:innen aufrecht erhalten, indem man sich zum Beispiel regelmässig zum Lunch oder Kaffee trifft. Den stetigen Austausch auf LinkedIn weiter pflegen. Das ist, neben einer klassischen Weiterbildung, auch eine gute Plattform, um mit seinem Wissen à jour zu bleiben. Durch das Knüpfen von neuen Kontakten entstehen neue Ideen und Visionen, was den Wiedereinstieg ebenfalls unterstützen kann.

Das Programm «Women Back to Business» gibt es inzwischen seit über 10 Jahren. Welchen Tipp oder welches Learning möchten Sie jeder zukünftigen Wiedereinsteigerin und jedem Wiedereinsteiger mit auf den Weg geben?
Seid stolz auf Eure Geschichte und erzählt diese. Ein authentisches Storytelling hilft beim Wiedereinstieg sehr. Kurz und knackig die wichtigsten Elemente im Rahmen eines Elevator Pitches auf den Punkt zu bringen und diesen immer wieder zu üben, sorgt dafür, dass einen die Frage: «Wer sind Sie und was machen Sie?» nie mehr aus der Ruhe bringt.

Dr. Patricia Widmer ist seit 2014 für die Universität St.Gallen tätig, wo sie den englischen Studiengang des Zertifikatkurses «Women Back to Business» sowie das «Women’s Leadership Programme» aufgebaut hat. Heute ist sie Programme Director for Diversity and Management Programmes. Ausserdem unterrichtet sie, moderiert Podiumsgespräche und hält Referate zu Diversity & Inclusion sowie Unconscious Bias. Patricia hat Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Banking und Finance an der Universität Zürich studiert und ihre Dissertation zum Thema «Geschlechterdisparität an der Spitze von Unternehmungen» geschrieben.

 

Awina unterstützt Familien mit Hilfe von zweckgebundenen Krediten aktiv bei der Finanzierung von Kita-Plätzen und setzt sich so für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Damit Eltern schon früh den Wiedereinstieg wagen können – oder im Idealfall von Anfang an mit einem Bein im Berufsleben bleiben.

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